Nicole Gerstner ist Betriebswirtin, zertifizierter Business Coach (IHK, ICF PCC) und erfahrene Führungskraft im internationalen Vertrieb. Nach Stationen in Unternehmen der Kosmetikbranche – vom operativen Vertrieb bis zur internationalen Vertriebsleitung – begleitet sie heute Fach- und Führungskräfte kleiner und mittlerer Unternehmen durch stürmische Zeiten. Mit Weiterbildungen in Business Training, Moderation, Mediation, Change Management und Mobbing-Bewältigung verbindet sie fundierte Methodenkompetenz mit gelebter Führungserfahrung. Ihr Fokus: Krisen souverän meistern, Konflikte konstruktiv klären und berufliche Herausforderungen mit Klarheit und Selbstvertrauen angehen.

Frau Gerstner, wie sind Sie zum Coaching gekommen?
Auf dem klassischen Weg: Ich habe mich selbst coachen lassen. Und fand es ziemlich cool, dass eine einzige Frage des Coaches zu einem Ergebnis geführt hat. Später habe ich immer mal wieder Coachings in Anspruch genommen und irgendwann selbst eine Ausbildung begonnen.  Dabei habe ich wahnsinnig viel gelernt. Über mich selbst und über den Umgang mit Emotionen und Konflikten. 2019 habe ich mich dann selbstständig gemacht.

Sie bieten Coaching, Trainings und Beratung an. Was ist der Unterschied?
Beim Training geht es ganz konkret um die Vermittlung von Kompetenzen und Fähigkeiten. Das ist keine Frontalbeschallung mehr wie früher, sondern super interaktiv. Aber letztlich geht es um Wissenstransfer und Vermittlung von Know-how. Coaching wiederum hat nichts damit zu tun, dass der Coach weiß, wie’s funktioniert und dem Coachee sagt, wo’s langgeht. Hier gibt der Klient das Ziel vor. Ich leite ihn dann durch Fragen, Impulse und gezielte Interventionen durch den eigenen Erkenntnisprozess. Beratungen werden von Unternehmen gebucht. Bei betriebsinternen Herausforderungen hilft es oftmals, wenn jemand Unbeteiligtes einen unverstellten Blick von außen darauf wirft.

Warum buchen Unternehmen Coachings für ihre Belegschaft?
Meistens gibt es einen ganz konkreten Anlass: Sei es eine hohe Krankheitsquote oder Fluktuation, die auffällige Zunahme von Kundenbeschwerden oder ein eskalierender Konflikt, der die Arbeit und das gesamte Team negativ beeinflusst. Bei den Einzelcoachings geht es häufig um die Begleitung von Führungskräften bei der Bewältigung unterschiedlichster Herausforderungen, etwa der Entwicklung deines eigenen Führungsstils oder der Stärkung der Konfliktkompetenz. Gruppen- oder Teamcoachings werden häufig gebucht, um Konflikte zu klären und daraus resultierende Veränderungen nachhaltig zu begleiten. Außerdem begleite ich Veränderungen in der Unternehmensstruktur oder den Prozessen und unterstütze dabei, Unternehmenskulturen positiv zu verändern. Gruppen-Coachings sind eine Win-Win-Situation: Mitarbeitende gestalten ihr berufliches Umfeld aktiv mit, was ihre Zufriedenheit und Motivation steigert. Unternehmen profitieren von engagierten, kompetenten Teams, die Zusammenarbeit und Prozesse gezielt weiterentwickeln – für mehr Effizienz, Innovation und motivierte Mitarbeitende.

Welche Themen machen den Schwerpunkt Ihrer Arbeit aus?
Vor allem die Themen Konflikte und Kommunikation, wobei beide eng zusammenhängen.

Wo hapert es denn bei der Kommunikation?
Sie scheitert meines Erachtens häufig an der mangelnden Achtsamkeit. Oder an der fehlenden Zeit. In vielen Unternehmen herrscht wahnsinniger Zeitdruck. Die Menschen wählen dann ihre Worte oft nicht mit Bedacht oder denken nicht über die Perspektive des anderen nach. Ohne sich dessen bewusst zu sein, kann das verletzend wirken.

Und Ihre Aufgabe ist es dann, dafür zu sensibilisieren?
Genau. Und zu einem Perspektivwechsel einzuladen. Es hilft viel, mal nachzuvollziehen, wie es dem anderen damit gegangen sein könnte. Das heißt nicht, dass man ihm Recht geben muss. Verstehen heißt nicht einverstanden sein. Darum geht es auch nicht. Vieles fängt bei einem selber an. Man kann sich auch mal eingestehen, dass man einen schlechten Tag hat. Es geht nicht darum, die Verantwortung auf andere abzuwälzen, sondern die eigene Kommunikation auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls was dran zu ändern.

Werden Ihre Angebote eher von Führungskräften oder von einfachen Angestellten genutzt?
Der Schwerpunkt liegt leider tatsächlich auf Führungskräften und Menschen, die auf dem Weg dahin sind.  Diese Coachings werden von den Unternehmen entsprechend gefördert. Viele Mitarbeiter auf operativer Ebene haben sowas nicht auf dem Schirm bzw. bekommen es meistens erst gar nicht angeboten. Das finde ich sehr schade.

Welches Thema ist bei Ihren Coachings noch prominent?
Das Thema Abgrenzung. Einfach mal nein sagen. Nein zu anderen und ja zu sich selbst. Und seinen eigenen Standpunkt durchsetzen. Einem Konflikt nicht aus dem Weg gehen, sondern sagen, was einem wichtig ist und was man sich wünscht. Damit tun sich viele Menschen schwer. Dabei ist die Erfahrung der Selbstbestimmtheit und Selbstwirksamkeit so wichtig.

Wie viele Sitzungen umfassen Coachings, Trainings und Beratungen?
Das hängt stark von der jeweiligen Zielsetzung ab. In fünf bis zehn Coaching-Sitzungen kann man schon sehr viel erreichen. Bei Trainings haben sich Formate von zwei bis drei Tagen als sinnvoll erwiesen. Online kann man die Meetings auch in kleinere Einheiten aufsplitten und über einen längeren Zeitraum verteilen. Das hat den Vorteil, dass die Teilnehmenden das Erlernte in der Zwischenzeit direkt anwenden und beim nächsten Termin Erfahrungen austauschen und Fragen stellen können.

Haben Sie den Eindruck, dass der Bedarf an Coachings wächst?
Ich habe den Eindruck, dass der Ton in den Unternehmen rauer wird. Angesichts der wirtschaftlichen Lage wachsen auch die Ängste. Schade, dass die Unternehmen gerade jetzt weniger in die Entwicklung ihres Personals investieren. Dabei ist der Fachkräftemangel in vielen, vielen Branchen ein Thema.

Tatsächlich ist er auch in der Wellness-Hotellerie ein großes Problem, zumal die Leute dort teils recht herausfordernde Arbeitszeiten haben. Gerade die jüngeren Generationen haben darauf keine Lust mehr. Was würden Sie in so einer Situation empfehlen?
Ich wünschte, ich hätte eine Antwort darauf. Wir reden immer über die Generationen Y und Z, die vermeintlich nicht so wirklich etwas leisten wollen. Ich glaube nicht daran. Sie wollen einfach anders arbeiten und das ist auch ihr gutes Recht. Die Welt hat sich verändert und das kann auch eine Chance sein. In der Generation X gibt es viele Menschen, die gearbeitet haben bis zum Burnout. Ihre Kinder, die Millennials, haben für sich beschlossen: Das möchte ich so nicht. Anstatt über die Generationen zu reden, würde ich mit den Generationen reden. Es geht nicht um „wünsch dir was“, sondern darum, gemeinsam zu definieren, was es braucht, damit die Arbeit geleistet werden kann. Ich glaube nicht, dass das durch Entscheidungen von oben gelöst werden kann, sondern nur im Austausch.

Würde das bedeuten, dass zum Beispiel ein Hoteldirektor einfach mal ein Brainstorming mit all seinen Mitarbeitern anberaumt, bei dem jeder sagen darf, was er denkt?
Ja, ein moderierter Austausch. Wobei wir wieder beim Coaching wären. Man nennt so was auch gerne Zukunftswerkstatt. Wenn ein offenes Klima im Unternehmen herrscht und von oben wirklich die Bereitschaft besteht zuzuhören, ist das eine gute Sache. Mitarbeitende haben mehr gute, praktikable Ideen, als man denkt. Wenn man danach aber einfach weitermacht wie gehabt, funktioniert es nicht.  Mitarbeitende sind nicht doof.

(Foto:Oliver-Hurst) (Illustrationen: shutterstock/Visual-Generation)

Es geht also nicht in erster Linie darum, das monetär auszugleichen, sondern Arbeitsmodelle anzubieten, die für alle Beteiligten tragbar und attraktiv sind?
Ja. Klar ist das Gehalt ein Motivator. Aber irgendwann wird das Mehr zum Standard. Und dann? Natürlich werden manche Menschen durch ein hohes Gehalt stark motiviert. Aber das funktioniert nicht bei allen.

Welchen Stellenwert hat Arbeit bei Ihren Klienten?
Sie wird von vielen als ein Weg erlebt, Selbstwirksamkeit zu erfahren. Der Sinn der Arbeit sieht für jeden anders aus. Für den einen bedeutet es, sich sozial zu engagieren, für den anderen, in einem Industrieunternehmen Tolles zu leisten und Innovation voranzubringen. Arbeit ist ein Weg, sinnvoll und wirksam zu handeln. In den älteren Generationen stand der Leistungsgedanke im Vordergrund. Heute geht es um Sinnhaftigkeit und Eigenwirksamkeit.

Wie findet man seine Berufung?
Nicht jeder sucht danach. Für manche ist es okay, morgens aufzustehen, ihren Job zu machen, damit ihr Geld zu verdienen und ihre Berufung in der Familie, dem Hobby, der Freizeit zu finden. Das ist legitim. Wenn ich allerdings weder im privaten noch im beruflichen Tun einen Sinn finde, schleicht sich eine latente Unzufriedenheit ein. Stellen Sie sich selbst folgende Fragen: Was von dem, was ich tue, macht mich glücklich? Was macht mich nicht so glücklich? Und kann ich daran etwas ändern? Hier kann ein Coaching sehr hilfreich sein. Wichtig ist, dass man nicht in der Opferrolle verharrt. Wir können mehr bewirken, als wir glauben!

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